Aufschwung und Niedergang der Hoftafern in Gossersdorf
Die Wirtshaustradition mit bewegter Geschichte lässt sich bis zum Jahr 1453 nachweisen – Teil I

Im Jahr 1453 stellt Andre, Wirt zu Gossersdorf dem Besitzer der Hofmark, seinem Herrn Heimeran Heuraus einen Brief aus, worin er ihm für eine bestehende Schuld sein Gut hinter der Kirche versetzt. Dieses Dokument liefert damit nicht nur erstmals konkrete Benennungen hiesiger Anwesen. Es belegt auch das Mindestalter der jahrhundertealten Wirtshaustradition in Gossersdorf. Zweifellos reicht diese aber noch wesentlich weiter zurück. In einem Gerichtsprotokoll von 1456 wird nämlich Martin Rambsberger undatiert als der vormalige Wirt erwähnt. Als Hofmark (Landsassengut) ist Gossersdorf schon seit 1331 belegt.
In den ersten Jahrhunderten kann es sich nur um eine unbedeutende Tafern gehandelt haben, welche dem Besitzer ein willkommenes Nebeneinkommen ermöglicht. Zwar zählt Gossersdorf zu dieser Zeit zu den größten Orten weit und breit. Das Dorf liegt jedoch abseits jeglicher bedeutender Verkehrswege und die ansässigen Halbbauern und Söldner sind wegen der kargen Böden nur wenig zahlungs- und damit zechkräftig. Mit dem Kauf der Hofmark Gossersdorf durch den wittelsbacher Landesfürst Maximilian I. im Jahr 1602 ändert sich die Situation grundlegend. Der Landesherr entwickelt die vorhandene Weißbierbrauerei nach Schwarzach zur zweitstärksten in Bayern. Der Ort erlebt einen enor- men Aufschwung und erlangt landes- politische Bedeutung. Der Zustrom von Handwerkern und Brauknechten, Getreidelieferanten und Bierführern und sonstigen Geschäftsleuten fordern nicht zuletzt nach einer leistungsfähigen Gastronomie am Ort mit Übernachtungsmöglichkeiten – auch für Pferde- und Ochsengespanne.

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Auf dieser Dorfansicht um 1950 sieht man am rechten Bildrand das Gebäude der ehemaligen Hoftafern. Man darf annehmen, dass es sich so zeigt, wie es im Jahr 1650 neu erbaut worden ist. Die Schweden äschern das Wirtshaus bei ihrem Durchzug im November 1633 ein. Über das Schicksal der damaligen Wirtsfamilie Khoch kann man nur spekulieren. Der Name ist jedenfalls seither aus Gossersdorf verschwunden. Der heutige Hausname “Schuierer” geht auf Johann Schuller zurück, der beim Kauf 1830 Schank- und Metzgergerechtigkeit an den Schlossherrn veräussert. Seit dem Verkauf am 8. Februar 1838 sitzt die Familie Obermeier auf diesem Anwesen. Alle Namenträger in der Gemeinde Konzell haben hier ihre Wurzeln.
Bildquelle: Josef Obermeier sen., Gossersdorf

 

Kurz vor 1600 muss Hofmarkbesitzer Georg Wörner in Gossersdorf die Weißbierbrauerei gegründet haben. Nun benötigt er einen tüchtigen Wirt und gewinnt ihn 1599 trotz der im Ort grasierenden Pest mit vielen guten Worten im Konzeller Metzger Joachim Khoch. Tafern und Hofbau überlässt er ihm freistiftsweise. Beim Übergang auf den Landesherrn gewährt dieser dann Leibrecht, die jährliche Gilt beträgt 35 Gulden nebst einem halben Zentner Inslicht (Kerzen, Wachs). Zum Beispiel am 20. April 1617 verleiht Maximilian I. dem 56jährigen „Hofwirt“ Joachim Khoch gemeinsam mit seinen Töchtern Agnes, sechzehn Jahre alt und Barbara, zwölf Jahre alt einen Leibrechtsbrief. In diesem Zusammenhang wird eine Beschreibung der Tafern verfasst: Sie ist ein hölzernes, zweistöckiges Haus, am Hauptzimmer noch von gutem fri- schen Holz, aber an den Ingebäuden (ausser beiden Stuben), sehr baufällig und kein guter Boden ist darin vorhanden. Im herunteren Flez ist allesvoller Löcher, auch oberhalb dessen, der Tanzboden, nur von altem Bretterwerk zusammengeflickt, das nicht sicher darüber zu gehen ist. Beim Kellerl bei der Tafern sind die unteren und oberen Böden verfault und zur Zeit nur mit alten Brettertrümmern belegt. Die Stallung hat auf zwei Seiten ein Stockwerk hohe Mauern, worauf der alte Dachstuhl sitzt. Darin aber ist weder unten noch oben ein Boden gelegt. Zur Tafern gehören 6 Tagwerk Äcker und 4 Tagwerk zweimädige Wiesen. Jährlich 20 Klafter Brennholz erhält der Wirt kostenlos.

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Diese Rück-Ansicht um 1960 von Tafern (links) und “Pekhenhaus” zeigt die Gebäude um 1960 noch in der alten Bausubstanz. Während die Tafern 1964 einem Neubau weicht, wird die ehemalige Bäckerei 1982 generalsaniert und heute ebenfalls als Wohngebäude genutzt.

 

In der Hoftafern herrschen rauhe Sitten
Die herrschenden Sitten in der Tafern sind nichts für zarte Gemüter und es geht hoch her in dieser Zeit. Aus dem Jahr 1607 sind gleich mehrere Raufhändel in den Protokollen des Hofmarksgerichtes überliefert. So verpasst Hannsel Schwarz, Hofmarksamtmann zu Roßhaupten und Konzell dem Hofwirt Joachim Khoch in vollbezechtem Zustand eine Maulschelle. Nachdem er sich beim Wirt entschuldigt und alle Schuld auf sich nimmt, wird er um beachtliche sechs Gulden gestraft. Andre Dobler und Andre Sohnpaur, beide Karrenleute, haben mit zwei “Geypaurn, als Georgen Pürckhmair von Obereilling und Georgen Loichinger am Hardthoff” in der Tafern einen Raufhandl. Die Gossersdorfer bedenken die Bauern dabei mit “drukhen Straichen” und schlagen ihnen Beulen. Jeder der bei- den Täter wird dafür mit einem Pfund bestraft. Andre Holzer, Bauer zu Höning, kommt mit dem Hoferbauer zu Hofen übers Kreuz. Mit einem “Handhäckhl” schlägt er ihm eine blutende Wunde am Kopf. Hernach aber vergleichen sich beide und der Holzer übernimmt die Kosten für den Bader und die Obrikeit. Die Strafe beläuft sich auf ein Pfund. Glimpflich verläuft ein Streit im Jahr 1716: Hanns Sax von Streitberg hat im Wirtshaus den hiesigen Schlossknecht Adam Fuxen solange einen “rothkopfeten Fuxen” geheissen, bis dieser wutentbrannt über drei Tische hinüberspringt, um sich den Sax gehörig vorzunehmen. Die übrigen Gäste jedoch verhindern größere Handgreiflichkeiten. Das Hofmarksgericht verfügt, dass “Sax 3 Stund und der Fux 2 Stund mit Hendt und fiessen in Stockh eingeschlagen bies sen miessen”.

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Das “Klinglhaus” gehörte bis zum 22. April 1800 zur Hoftafern und beherbergte  die  Bäckerei.  Bei  der  Übergabe  der  Tafern  an  Sohn  Joseph  werden Haus und Bäckergerechtigkeit im Wert von 300 Gulden den Töchtern Anna Maria und Elisabetha als Erbgut angewiesen.

 

 

 

Jähes Ende des Aufschwungs
Dem Aufschwung der Hofmark wird schon bald durch den Verlauf des Dreissigjährigen Krieges ein jähes Ende bereitet. Als die Kriegshorden der Schweden über Regensburg und Straubing her kommend im November 1633 auch Gossersdorf heimsuchen, legen sie die Tafern in Schutt und Asche. Die meisten Anwesen liegen viele Jahre lang öde, erst 1638 kann der eingesetzte Verwalter Mathias Eyrl aus Cham die Wiederaufnahme des Braubetriebes nach München melden. Noch schwieriger gestaltet sich der Wiederaufbau der Hoftafern. Behelfsmäßig schenkt der Schullehrer von Konzell, Valerian Landtersperger jahrelang im Kirchengut und dann im Kirchenhäusl aus. 18 Gulden Stiftgeld muss er jährlich dafür abge- ben. Neben anderen Interessenten bewirbt er sich um die Berechtigung zum Wiederaufbau der Hoftafern. Vorerst aber kann keiner diese Aufgabe stemmen.
Erst am 4. Oktober 1650 wird Georg Rosenhammer ein Erbrechtsbrief ausgestellt, der die Hoftafern mit der dazugelegten Bäckereigerechtigkeit als eine Brandstatt kauft und neu erbaut. Die beste Zeit der Hoftafern gehört aber der Vergangenheit an. Nach einem Extrakt vom 17. Juli 1755 geht der Bierumsatz von 404 halben Viertl zwischen 1677 und 1679 auf 186 halbe Viertl zwischen 1752 und 1754 zurück. Nach “Bier und Landesherrschaft” von Dr. Karl Gattinger beträgt der Inhalt eines halben Viertelfasses 112 Mass. Umgerechnet bricht der durchschnittliche tägliche Ausschank also von ehemals 41 auf 19 Maß Weißbier ein.
Schon im Jahr 1652 wird um 412 Gulden weiterverkauft an Adam Preys, Wirt zur Haid. Über viele Jahrzehnte finden sich nun Bittschriften an den Kurfürsten um Giltnachlass, denen meist auch stattgegeben wird. Als Adam Preys mit Tod abgeht, verkaufen seine Witwe und die Erben die Erbrechtstafern 1660 an Vetter Simon Amon um 400 Gulden. Nach 40 Jahren übergibt er sie im zwischenzeitlichen Schätzwert von 800 Gulden seinem Sohn Casper Amon. Dessen Witwe Maria heiratet die Tafern 1712 dem Joseph Nöstelbeck im Wert von 500 Gulden an. Nach nur acht Jahren verstirbt auch der zweite Gatte. Die wirtschaftliche Lage der Witwe ist trostlos, denn wegen Zahlungsunfähigkeit wäre selbst durch Pfändung nichts bei ihr zu holen. Am 10. Dezember 1723 bestätigt die Hofmarksverwaltung nach München, dass die Tafern zwar mit erträglichen Gerechtigkeiten „als Sölden-, Zapfen-, Fleischbank- und Pekhenrecht versehen“ ist. Niemand aber tue sich als Käufer hervor, denn „bey iezigen zeiten und geringen gewerb“ sei die Gilt allzu hoch angesetzt. Im darauffolgenden Jahr findet sich dennoch ein Käufer. Johann Georg Aschenbrenner, Kürassier zu Straubing erwirbt die Tafern sambt Gerechtigkeiten um 625 Gulden. Witwe Maria Nöstlpöckh erhält auf ihr Wohlverhalten die lebenslängliche Herberge im kleinen Stübl im “Pöckhenhaus“. Aschenbrenners Witwe Maria, 1744 wiederverheiratete Dietl, übergibt am 23. August 1760 an Sohn Georg.

Braunbier als starke Konkurrenz
Dieser klagt am 7. Juni 1762 der Hofkammer in München, dass Gossersdorf “aus lauter unvermögenden Untertanen besteht, die da mersten Teils gar kein Bier trinken oder doch wenigist bisweillen nur ein oder zwei Maß braunes Bier, dergleichen mir beyzulegen nit erlaubt ist, bei den nächstentlegenen braunen Brauhäusern Konzell und Haid zu trinken pflegen”. Ausserdem werde “selten oder gar keine Schenckh, Hochzeitmahl oder andere Gasterey in meiner Tafern gehalten. Mithin bey mir fortan die bittere Not und Armut zu allen Fenstern und Türen herausscheint.“ Am 22. Februar 1763 berichtet der Wirt abermals, dass er “auch gar kein frey Tanz mehr halten kan, indem ihm erst im Vorjahr pas- siert ist, dass er an Kirchweih erlaub- terdingen die Spielleute eingestehlt, er schon um 2 Uhr nachmittag keinen zechenden Menschen mehr im Haus gehabt, weil alle Burschen auf Konzell und Haid, zu den auch eingestelten Musikanten und braunen Bier verlocket worden (sind).” Am 22. April 1800 übergibt Georg Aschenbrenner mit Einverständnis seiner Ehewirtin Eva an seinen jüng- sten Sohn Joseph, 21 Jahre alt. Die Bäckergerechtigkeit erhalten die beiden Töchter Anna Maria, 34 Jahre alt und Elisabetha, 32 Jahr alt mit dem dazugehörigen Haus auf 300 Gulden als Erbgut angewiesen. Am 27. Juli 1817 verkaufen Joseph Aschenbrenner, Wirt und Söldner in Gossersdorf und Anna Maria, dessen Eheweib wegen aushabender Schulden an Johann Stahl, gewester Halbbauer von Sinzing, Landgericht Cham und dessen Eheweib Anna, Tochter des Georg Raab, Wirt in Schacherdorf. Als Stahl verstirbt, schließt die Witwe am 15. Juli 1818 mit Joseph Lachermeyr von Pfelling einen Heiratspakt. Von diesem erwirbt Johann Schuller, königlicher Unteraufschläger nach Brief vom 3. Juni 1830 den Rest des Wirtsanwesens aus dem Schuldenwesen um 787 Gulden 42 Kreuzer. Im gleichen Zug verkauft Schuller eine Reihe von Gründstücken an einige Gossersdorfer sowie die Metzger und Wirtsgerechtsame mit dem Eben- und Hochacker um die Summe von 250 Gulden an den hiesigen Brauerei-, Schloss- und Gutsbesitzer Georg Schinabeck. Damit endet die bewegte Geschichte der ehemaligen Hoftafern für immer.
In der Folgezeit wird die Gastwirtschaft bis zur Schließung der Brauerei 1964 im Schloss betrieben. Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts entstehen zwei weitere Gasthäuser im Ort.

Fortsetzung folgt.

Quellen: Hauptstaatsarchiv München:  Pfalz-Neuburg  Klöster und  Pfarreien  777;  GL Fasz  2474. Staatsarchiv  Landshut:    Rentkastenamt  Straubing  R  1804  und  R  1906; Kataster  der  Steuergemeinde Gossersdorf.  Historischer  Atlas Mitterfels.  Liquitprotokolle  im Vermessungsamt Straubing.

 

Gossersdorf erlebt “Wirtshausblüte” im 20. Jahrhundert

Von den ehemals drei Gasthäusern kann aber nur ein einziges überleben – Ausserordentliches Modell bisher erfolgreich – Teil II

Als Georg Schinabeck im Jahr 1830 von Johann Schuller das auf der ehemaligen  Hoftafern  liegende Schankrecht  erkauft  und  so  neben Bräuer  und  Gutsbesitzer  auch  noch Gastwirt wird, sitzt er bereits 13 Jahre als  Schlossherr  in  Gossersdorf.  Der Bierbrauer  aus  Herzogau  bei Waldmünchen  ersteigert  am  3.  Mai 1817  Schloss,  Brauerei  und  Ökonomiegut aus dem Gantwesen des Anton Müller  beziehungsweise  von  dessen Witwe  Anna  Maria.  Im  Zuge  der Säkularisation und der damit einhergehenden  Auflösung  der  zuletzt Kloster-Oberalteichischen  Hofmark Gossersdorf  kamen  obige Liegenschaften  im  Jahr  1803  in Privathand  und  werden  dem Landgericht  Mitterfels  unmittelbar eingegliedert.  Der  erste  Käufer Christoph  Schwarz,  Posthalter  in Stallwang,    erwirbt  die  Brauerei  mit weiterem Zubehör am 29. Dezember 1803  auf  dem  Versteigerungsweg. Nach  seinem  Ableben  veräussert seine  Witwe  schon  am  8.  Juli  1805 weiter  an  ihren  oben  genannten “Vetter”  Anton  Müller,  ebenfalls Posthalter von Stallwang.

Für  Georg  Schinabeck  kommen  die zusätzlichen Einnahmen aus der hin- zugekommenen Gastwirtschaft sicher gelegen,  denn  offensichtlich  wird  er von  Geldnöten  geplagt.  Am  18. Oktober  1836  nimmt  er  bei  der Bayerischen  Hypothek-  und Wechselbank  eine  hohe  Hypothek über 10000 Gulden auf 40 Jahre auf. Der Schankbetrieb wird schon zu dieser Zeit im ersten Stock des Schlosses im  Zimmer  gleich  links  der Eingangstür  ausgeübt.  Als Schinabeck am 22. Oktober 1839 an die  Familie  Brandl  weiterverkauft, finden  sich  in  der  Inventarliste  des Kaufbriefes eindeutige Belege dafür: „…  Schenkschrank  im  ersten  Stock, 40  Maßkrüge,  12  Halbkrügerln,  2 Waschkesseln  von  Eisen,  4 Kerzenleuchten  von  Blech,  1 Wanduhr,  1  Kruzifix  und  2  Bilder, dann  Bänke,  Schenkkasten,  Tische und  Sesseln  im  Schenkzimmer  …“. Konkrete  Hinweise  über Gepflogenheiten und Veranstaltungen finden  sich  zu  dieser  frühen  Zeit nicht.  Dies  ändert  sich  erst  mit  dem 11. Jänner 1863, als die Bräuerswitwe Juliana  Brandl  vor  dem  gegenwärti- gen Gemeindevorsteher Hirtreiter und seinem  Gemeindeschreiber  Müller erscheint und um die Bewilligung zur Abhaltung  von  Tanzmusik  am  15. Februar  nachsucht.  Gegen  Erlage einer  Gebühr  von  1  Gulden  49  einhalb Kreuzer wird ihrem Anliegen die Erlaubnis  erteilt  bis  12  Uhr  nachts. Am  4.  Mai  1863  genehmigt  die Gemeinde  abermals  eine Tanzunterhaltung  bei  Gelegenheit einer Hochzeit am 5. des Monats. Die Polizeistunde  sei  genau  einzuhalten und  nachts  12  Uhr  müsse  das  Haus geräumt sein. Häufig finden sich nun Einträge  über  Tanzmusik  an  den Kirchweihtagen  im  Juli  oder  zu Hochzeiten wie unterm 19. Juli 1863 des Aloys  Bäumer  und  am  14.  Juni 1864 des Josef Landstorfer, beide von Hintergrub.  Am  16.  Jänner  1866 spielt  die    Musik  im  Bräuhause  zu Gossersdorf  bei  Gelegenheit  eines Balles auf und am 18. April 1866 trägt Johann  Brandl  der  Gemeinde  sein Ansinnen  vor,  ein  Kegelscheiben  zu veranstalten. Im Jahr 1877 können für “(Gschwell)Fuchs  Gossersdorf  sein Hochzeitmahl”  20  Gulden  verein- nahmt werden.

Tanz im ehemaligen  Gegenschreiberhaus

Diese größeren Veranstaltungen dürften  von  Beginn  an  im  1.  Stock  des ehemaligen  Gegenschreiberhauses links der Toreinfahrt gelegen stattgefunden  haben.  Manch  älterer Dorfbewohner  erinnert  sich  zwar noch  an  einen  früheren  Tanzboden dort,  aber  niemand  mehr  kann  aus eigener  Erfahrung  berichten. Auszuschließen  ist  deshalb  nicht, dass  er  schon  gegen  Ende  des  19. Jahrhunderts eingeht, denn Hinweise zu  Tanzveranstaltungen  und Hochzeiten finden sich zu dieser Zeit nur  mehr  im  nahen  neu  erbauten Reibener Gasthaus. Das Primiz-Mahlmit zehn Gängen zu 5 Mark am 7. Juli 1910  von  Josef  Raith,  wozu  die Kapelle  Grimm  konzertiert,  könnte auch  im  Schloss  aufgetischt  worden sein. Nach dem Krieg wird der ehemalige  Tanzboden  in Zimmer  unterteilt und mit Flüchtlingen belegt. Das Gastzimmer  im  Schloss  ist Anlaufstelle nicht nur für die hiesigen Dorfbewohner.  Regelmäßig  erscheinen jene Wirte der weiten Umgebung, deren  Gasthäuser  von  der Brandl`schen Brauerei ihr Bier beziehen  mit  großem  Stammtischgefolge. Zum  Begleichen  ihrer Brauereischulden  gibt  es  Freibier. Jeweils  Mittwochs  geht  es  beim “G`sellschaftstag” hoch her, wenn die Gossersdorfer  Männer  “zum  Bier gehen”,  Karten  spielen  und Neuigkeiten  austauschen.    Zu  hause warten die Ehefrauen schon neugierig auf  das  Überbringen  des  neuesten Dorftratsches.  Der  Schankbetrieb  im Schloss  läuft  noch  bis  1964,  insgesamt  also  134  Jahre  lang.  Mit  der Brauereischließung  nach  dem  Tod Max Brandls in diesem Jahr ist auch die  letzte  Stunde  der  Schloss- Gastwirtschaft gekommen.

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Der letzte “Schlossherr” und Wirt Max Brandl (links) gesellte sich mit seiner Frau Edeltraud gerne unter die Stammtischgäste aus nah und fern. Getanzt wurde  früher  im  ehemaligen  Gegenschreiberhaus  links  der  Toreinfahrt. Zahlreiche Veranstaltungen sind ab 1863 überliefert.

 

Schon  im  Jahr  1905  bekommt  die Schlosswirtschaft  Gesellschaft  durch ein  weiteres  Gasthaus,  dem „Kirchawirt“.  Die  Historie  dieses Anwesens ist dorfgeschichtlich recht interessant.  Hier  handelt  es  sich  um das bereits 1453 erwähnte „Gut hinter der  Kirchen“,  in  dem  in  den  Jahren nach 1633 behelfsmäßig Bier ausge- schenkt  wird.  Die  reguläre Gastwirtschaft  an  diesem  Platz begründet  der  „Koberl-Bräu“. Eigentlich  ist  Jakob  (Koberl) Herrnberger,  geboren  den  21.  Juli 1864  zu  Gossersdorf  als  Sohn  des Häuslers Joseph Herrnberger und dessen Frau Anna Maria Daiminger von Beruf  ein  Schneider.  Seine  Gattin Franziska, eine am 22. Mai 1875 als Sölderstochter  geborene  Vogl  aus Schlondorf, ehelicht er im Dezember 1892.  Das  Ehepaar  erwirbt  am  14. Juni 1895 am östlichen Ortsrand das Anwesen  Nr.  34  (heute  Zierer),  um hier  im  Herbst  1896  ein  kleinesBrauhaus zu errichten. Am 31. März 1899  verleiht  die  Gemeinde Gossersdorf  das  Bürgerrecht  an  den Bierbrauer Jakob Herrnberger gegen Entrichtung  der  beschlußmäßigen Gebühr von 25 Mark. Offenbar hegt das  Ehepaar  bald  neue  Pläne,  denn am  14.  März  1899  kauft  es  von “Gaudam”  Josef  Herrnberger  (einer Verwandtschaft?)  “Wirtschaftsgarten mit Keller und Garten” an der Straße neben der Kirche gelegen im Umfang von  0,096  Hektar  dazu.  Das  früher hier stehende “Kirchengut” war 1887 vom  Vorbesitzer  Johann  Häusler abgebrochen worden, um weiter oben am  heutigen  Platz  (Anleitner)  die Wohn-  und  Wirtschaftsgebäude  neu zu errichten. Diesen Besitz erkaufen obiger  Josef  Herrnberger  und  seine Frau  Theres,  Schuhmachereheleute von Loitzendorf, am 27. März 1894 von Johann Häusler.

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Das Gebäude des “Kirchawirt” wird im Jahr 1905 vom “Koberl-Bräu” als prägnanter Bau aus Hartbrandsteinen errichtet. Noch einige Meter näher an der Durchgangsstraße stand an diesem Platz das schon im Jahr 1453 urkundlich erwähnte “Kirchengut”, einer der ehemals drei halben Höfe in Gossersdorf.

 

Konkurrenz belebt  das Geschäft

Das Koberlbräu-Ehepaar verkauft am 21.  September  1904  das  Anwesen Nummer 34 , behält sich aber das neu erworbene  Grundstück  in  der Ortsmitte  und  errichtet  1905  hier “Wohnhaus mit Wirtshaus und Stall, Keller”.  Für  damalige  Verhältnisse wird  das Wohn-  und Wirtshaus  aufwendig  und  kostspielig  aus Hartbrandsteinen  errichtet.  Schon 1909  aber  verstirbt  der  Wirt  Jakob Herrnberger  im  Alter  von  erst  4  Jahren,  seine  Gattin  kann  sich  nur noch  zwei  Jahre  halten.  Am  28. Januar 1911 verkauft sie allen Besitz um  13750  Mark  an  den “Schlossherrn”  Johann  Brandl,  der damit  eine  sicher  unliebsame Konkurrenz  ausschalten  kann.  Aus diesem Kaufvertrag ergibt sich auch der  tatsächliche  Umfang  des Anwesens,  “bestehend  aus Wohnhaus  mit  Wirtshaus  und  Stall, Keller,  Hofraum  nebst  angebautem Bräuhaus nebst  Faßschupfe zu 0,09 ha” und ein am 29. September 1909 hinzugekauftes Grundstück mit 0,42 Hektar  in  der  SteuergemeindeAuggenbach.  Interessant  ist  die  eingetragene  Sicherungshypothek  in Höhe  von  6000  Mark  für Brauereibesitzer  Vinzenz  Schauer von  Sattelpeilnstein.  Diese  Geld wurde für den Bau verwendet. Sicher wollte  Schauer  damit  seiner Konkurrenzbrauerei Brandl eins auswischen.  Im  Kaufvertrag  wird  auch das  vorhandene  Bräuinventar  ausführlich  beschrieben  und  ein Vermerk  belegt,  dass  im  Wirtshaus bisher das selbsterzeugte Bier ausgeschenkt  wird.  Der  neue  Besitzer erhält am 8. November 1914 von der Gemeinde  Gossersdorf  die Genehmigung  zum  Neubau  eines Schlachthauses  bei  der Schankwirtschaft.  Brandl  verpachtet in  den  kommenden  Jahrzehnten  das Wirtshaus. Bekannt sind  Theres und Johann Fuchs (vor 1930), Emma und Max  Herrnberger,  Rosina  und Michael  Mühlbauer  (1934-1951), Christa und Fritz Santl (1951-1962), Rosa  und  Ludwig  Stubenhofer.  Der heutige  Besitzer  Max  Wagner  kauft das Anwesen  1975  und  betreibt  das Wirtshaus noch weiter bis 1985.

Drei Wirtshäuser im kleinen Dorf

Das zuletzt in Gossersdorf entstandene Gasthaus ist zugleich das bis heute verbliebene am Ort. Einige Zeit können  sich  in  dem  kleinen  Dorf  drei Wirtshäuser  halten.  Als  der Landwirts-  und  Kraftfahrersehefrau Maria (“Mare”) Pfeilschifter, geborene  Hofmann,  am  7.  Mai  1947  das Anwesen nach dem Tod ihres Vaters Johann  überschrieben  wird,  eröffnet sie  bald  eine  eigene  Wirtschaft.  Ihr Gatte  Franz  verstirbt  schon  wenige Jahre  später.  Die  vorhandene Gebäudesubstanz  stammt  aus  dem Jahr  1928  infolge  “Stallneubau, Schupfe  und  Kellerneubau,  dann Wohnhausneubau im 2. Quartal”. Ein erstes Anwesen an diesem Platz ent- stand  verhältnismäßig  spät  erst  im Jahr  1857.  Die  Familie  Hofmann kommt mit Brief vom 13. März 1860 auf das Anwesen. Zwei Monate später  wird  dem  “Josef  Hoffmann, Schneidersohn  von  Konzell  das Gesuch  um  Bewilligung  einer Schneiderkonzession  und  um Ansässigmachung  und  Verehelichung  auf  das  von  ihm  in Gossersdorf erkaufte Haus die bejahende  Zustimmung  gegeben“.  Eine Krämerei  ist  bereits  seit  14. August 1896  nachgewiesen,  als  dem “Krämer  Johann  Baptist  Hofmann von  Gossersdorf”  mit  der  ledigen Bauerstochter  Theres  Lorenz  von Burgstadl die Ehe erlaubt wird.  Die neue Wirtin “Mare” erweist sich in der Folgezeit als ausserordentlich geschäftstüchtig,  der  Betrieb  floriert zusehends.  Zweimal  wird  das Gasthaus  auf  den  heutigen  Umfang erweitert  und  modernisiert.  Bis  aus Straubing kommen in dieser Zeit die Gäste gern zum Essen und Feiern.  Nachdem sich die Wirtin 1985 altersbedingt zur Ruhe setzt, wechseln sich zahlreiche  Pächter  ab.  Zuletzt  sucht noch  eine  Pizzeria  ihr  Auskommen zu  erwirtschaften.  Als  diese  Ende Oktober vergangenen Jahres schließt, ergreifen mehrere Dorfbewohner die Initiative  und  führen  nahtlos  das “Dorfwirtshaus’”  als  Unternehmen weiter.  Geöffnet  wird  jeweils Donnerstag,  Freitag  und  Sonntag. Neben  dem  traditionell  starken Stammtisch  und  der  neu  eröffneten Pilsbar  setzt  man  auf  vielfältige Veranstaltungen  für  alle Generationen  und  14-tägiges Mittagessen am Sonntag. Es sieht gut aus, dass mit diesem ausserdordentliche  Projekt  in  Gossersdorf  das Wirtshaus  als  Mittelpunkt  des Dorflebens erhalten werden kann.

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Das vor gut 60 Jahren zuletzt eröffnete Wirtshaus Pfeilschifter ist zugleich das  einzig  im  Ort  verbliebene.  Erst 1857  wird  an  diesem  Platz  ein Anwesen  errichtet,  ursprünglich  als Landwirtschaft,  spätestens  seit  1896 mit Krämerei. Gleich drei Gasthäuser haben im kleinen Ort Gossersdorf bis 1964    ihr  Auskommen.  Mit  dem Einstellen der Brauerei schließt bald auch  das  Gasthaus  im  Schloss  und der “Kirchawirt” folgt im Jahr 1985. Als sich Ende Oktober letzten Jahres der  letzte  Pächter  verabschiedet, ergreifen  mehrere  Gossersdorfer  die Initiative  und  führen  seit  1. November  das  “Dorfwirtshaus”  als Mittelpunkt  des  Dorflebens  als Unternehmen weiter.

Bildquellen:  Gabriele  Kaltenecker, Max Wagner beide Gossersdorf) und Postkartensammlung  Walter  Wirth, Unterwachsenberg.

 

Quellen: Kataster  der Steuergemeinde  Gossersdorf. Beschlussprotokolle  der  ehemaligen Gemeinde  Gossersdorf.  Privatarchiv Gabriele  Kaltenecker.  Festschrift 1998  der  FFW Gossersdorf. Staatsarchiv  Landshut,  Landgericht Mitterfels älterer Ordnung 124 + 126.